Offen gesagt

Das EU-Handelsabkommen mit Südamerika: Ein Faktencheck

Internationale Handelsabkommen stehen in der öffentlichen Debatte oftmals in Kritik. Zu Recht? Wir haben uns angesehen, was es mit dem Mercosur-Abkommen auf sich hat und ob die Befürchtungen, dass es zu einer Flut an Billigfleisch kommen wird, berechtigt sind.

Zuletzt aktualisiert am 10.01.2025, 08:46

Handelsabkommen zwischen Mercosur und der EU - Auf den Landkarten von Südamerika und Europa befinden sich die jeweiligen Symbole. Davor die Illustration eines Händedrucks als Symbol für einen Vertrag. © John Kehly - stock.adobe.com

Der gemeinsame südamerikanische Markt – Mercado Común del Sur (MERCOSUR) – wurde im Jahr 1991 gegründet und ist ein Zusammenschluss der Länder Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Der gemeinsame Markt könnte in weiterer Folge um den Beitrittskandidaten Bolivien sowie die assoziierten Mitglieder Chile, Ecuador, Guyana, Kolumbien, Peru und Suriname erweitert werden.

Ende 2024 haben sich Vertreter:innen der Europäischen Union und der Mercosur-Staaten nach langjährigen Verhandlungen offiziell auf ein Handelsabkommen geeinigt. Die EU-Staaten sind jetzt gefordert, das Abkommen zu ratifizieren und mit Leben zu füllen.

Ein volkswirtschaftlicher Faktencheck versucht in diesem Beitrag auf wesentliche Stärken und Vorurteile dieses Freihandelsabkommens mit Bezug auf Österreich bzw. die Steiermark einzugehen:

Das Abkommen liefert neue Impulse für eine schwächelnde Wirtschaft, die für Österreich unverzichtbar sind. Es erhöht die Resilienz der österreichischen Wirtschaft durch Diversifizierung und Sicherung von Lieferketten. Es liefert die Basis für die Verfügbarkeit wichtiger strategische Rohstoffe und ist das Eintrittstor in einen großen Wirtschaftsraum mit Wachstumspotential:

  • Der Mercosur ist ein Wirtschaftsraum mit rund 260 Mio. Einwohnern – also knapp 60% der Größe der heutigen EU (rund 450 Mio. Einwohner). In Summe entsteht durch das Abkommen ein gemeinsamer Markt mit über 700 Mio. Konsument:innen.
  • Ein Vorteil ist der homogene Raum mit den beiden Sprachen Spanisch und Portugiesisch, der eine Marktbearbeitung viel leichter macht, als es in vergleichbaren größeren Regionen der Fall ist.
  • Die Beziehungen mit Österreich sind bereits heute gut und ausbaufähig:

    • Zwischen Österreich und dem Mercosur bestehen bereits enge Handels- und Investitionsbeziehungen.
    • Von den 1.104 Unternehmen aus Österreich, die nach Argentinien und Brasilien exportieren, sind 65 Prozent KMU.
    • Durch das Handelsabkommen werden viele Zölle unterschiedlichster Produktgruppen vollständig abgeschafft. Österreichische und europäische Unternehmen werden sich dadurch Zölle im Wert von 4 Mrd. Euro pro Jahr ersparen.
    • 32.000 Arbeitsplätze hängen in Österreich von Exporten in den Mercosur ab.
    • Bereits heute sind rund 240 Unternehmen aus Österreich im Mercosur aktiv.
  • Österreich hat seit Jahren einen deutlichen Handelsüberschuss mit den Mercosur-Staaten. Es werden mehr Güter exportiert als importiert. Wichtige wirtschaftliche Sektoren und Exportschlager sind Arzneimittel, Chemikalien, Messgeräte, Stahlprodukte, Maschinen und Elektrogeräte, Softdrinks, Papierwaren etc.
  • Die Steiermark hat beispielsweise im Jahr 2023 Waren im Wert von 217 Millionen Euro in die vier Länder ausgeführt – das ist laut regionaler Außenhandelsstatistik der Statistik Austria ein Anteil von 17 Prozent an den österreichischen Mercosur-Exporten in diesem Jahr. Die Steiermark ist damit hinter Oberösterreich jenes Bundesland, das speziell von den Exporten in den Mercosur-Raum profitiert.
  • Vor allem die wirtschaftlichen Verflechtungen der Steiermark mit Brasilien sind stark. Güter im Wert von 188 Millionen Euro wurden aus der Steiermark in das portugiesisch sprechende Land im Jahr 2023 ausgeführt.
  • Zu erwähnen ist auch, dass auch die Steiermark mehr Güter in den Mercusor-Raum exportiert, als importiert (Außenhandelsbilanz ist positiv).
  • Aus Südamerika gibt es generell auch ein beträchtliches Potential an qualifizierter Zuwanderung. So haben etwa Argentinier eine gute Beziehung zu Europa und ein hohes Bildungsniveau. Das Beispiel Spanien zeigte zuletzt, dass lateinamerikanische Arbeitskräfte auch in Europa gefragt sind.

Trotz dieser Vorteile kursieren leider auch viele Mythen im Internet, die einer genaueren Betrachtung unterzogen werden sollten (vgl. WKÖ 2023):

  1. „Billigrindfleisch und eine Überflutung mit Steaks aus Südamerika sind die Folge“
    FAKT: Bricht man die Menge an zusätzlichem Rindfleisch pro EU-Bürger auf Österreich herunter, sprechen wir von höchstens 221g pro Kopf. Also im Jahr allenfalls ein normales Steak.
  2. „Minderwertiges Hormonfleisch wird in die Supermärkte gelangen“
    FAKT: Es werden keine Standards bei Lebensmitteln gelockert. Stattdessen gibt es ein durchdachtes Kontrollsystem.
  3. „Die Rinderzucht wird massiv ausgeweitet und der Regenwald endgültig abgeholzt“
    FAKT: Durch das Abkommens wird der Regenwald nicht aufgrund neuer Rinderweiden zerstört. Brasilien wird zu mehr, und nicht zu weniger Schutz des Regenwaldes verpflichtet – auch Nachhaltigkeitsaspekte sind also Teil der Vereinbarung. Zudem sichert die Quotenregelung in Bezug auf die vom Abkommen festgelegte maximale Rindfleischmenge, die mit Zollvorteilen exportiert werden darf, keine massive Ausweitung der Rinderzucht.
  4. „Der österreichische Agrarsektor profitiert gar nicht von diesem Abkommen“
    FAKT: Die Landwirtschaft ist durch den Abbau von Handelshemmnissen einer der Profiteure von EU-Handelsabkommen. So kommt die EU als erster Handelspartner der Mercosur-Staaten, in denen 260 Millionen Konsumenten leben, in den Genuss eines geöffneten Marktes. Neue Wachstumschancen könnten sich etwa bei Milchprodukten und verarbeiteten Fleischwaren ergeben. Im Bereich Wein und Spirituosen werden die Exporte ebenfalls vereinfacht.

Summa summarum sind intelligent gestaltete Freihandelsabkommen gerade in Zeiten von zunehmenden protektionistischen Tendenzen in Bezug auf strategisch wichtige Rohstoffe und Zulieferprodukte wesentliche Bestandteile einer zukunftsorientierten und widerstandsfähigen europäischen, wirtschaftspolitischen Grundausrichtung. Der gemeinsame Markt Südamerikas bietet hier große Chancen für die europäische Volkswirtschaft. Österreich als exportorientierte kleine offene Volkswirtschaft kann hier besonders als Gewinner hervorgehen und innerhalb Österreichs ist die Steiermark eines jener Bundesländer mit sehr hohen Exportanteilen in den MERCUSOR. Die österreichische und steirische Politik sollte sich daher rasch für eine Umsetzung der auf EU-Ebene erzielten Einigung mit den Mercosur-Staaten einsetzen. Dies ist im Sinne der Wirtschaft, der Nachhaltigkeit und Resilienz gegenüber internationalen Zerwürfnissen, aber auch im Sinne der Landwirtschaft und des Klimaschutzes zu sehen.

Quellen:

Trade Agreement EU – MERCOSUR | 2023-fs-mercosur-en.pdf

Statistik Austria – Regionale Außenhandelsstatistik

Handelsabkommen der EU mit dem Mercosur – WKO